Ausgabe 11

»Tabuin«, René Littek, 2004

»Tabuin«, René Littek, 2004

Stunden, Tage, wenn man zusammenzählt sicherlich Monate, wenn nicht mehr … hat mich Civilization gefesselt. Warum das hier steht? Weil das Zitat auf dem Cover aus eben jenem Computer-Spiel stammt. Und neben einer Menge Spaß bekommt man dort auch recht ausgiebig beigebracht, was alles zu einer Stadt dazu gehört. Da geht es nun mal nicht nur um Häuser, die an eine Straße gebaut werden müssen.

Aus England soll der Satz stammen »Die Menschen, nicht die Häuser, machen die Stadt.« und trifft damit ganz gut, was bei der Profession des Weltenbauers mitgedacht werden muss. Sicherlich ist eine Stadt für das Abenteuer eine Kulisse und muss die Spieler ausreichend fesseln, ihnen Möglichkeiten für Übernachtung, das Ausgeben der verdienten oder auch erbeuteten Reichtümer und neue Optionen für neue Abenteuer bieten. Doch eine Stadt ist, wenn sie gut gemacht ist, immer auch mehr. Sie hat den Anspruch, auch ohne die Helden zu funktionieren und mehr zu sein als die Summe ihrer Häuser. Vielfach ist sie Wahrzeichen einer Gemeinschaft. Sie repräsentiert die Leistungen, Werte und auch Wünsche einer Gemeinschaft, die zur Gesellschaft wurde und dadurch über sich hinaus gewachsen ist. Eine Stadt bietet durch ihre Ausgestaltung den Bewohnern das Maß an Schutz gegenüber den Naturgewalten, das sich der Mensch erhofft, seit er die Löcher in der Erde verlassen hat und sich künstliche Höhlen baut. Wie gut oder auch schlecht das funktioniert, merken wir, wenn Starkregen oder ein über die Ufer tretender Fluss uns die Grenzen aufzeigen. Selten sind es Grenzen des Möglichen, meist sind es nur Grenzen in unseren Vorstellungen oder der Bereitschaft der Politik.

Manchmal machen auch Häuser eine Stadt. Zumindest auf mich hat es eine andere Wirkung, wenn ich in eine mir bis dahin unbekannte Stadt komme und dort viele Gebäude aus der Gründerzeit oder dem beginnenden 20. Jahrhundert sehe oder nur moderne Gebäude, die in ihrer Einfachheit aussehen, als seien sie mit einer der ersten Versionen von minecraft erstellt worden. Städte können durch ihre Gestaltung die Menschen beeinflussen. Das erleben wir nicht nur jeden Tag am eigenen Leib, es hat auch Konsequenzen für unser Hobby. Marc Jenneßen hat in seinem Abenteuer »Stein der Götter« sehr viele Seiten darauf verwendet, die Stadt zu präsentieren und dem Besucher deutlich zu machen, wie sich die Stadt „anfühlt“, in welche die Helden da kommen. Und viele Regionalbeschreibungen versuchen Ähnliches. Je lebendiger eine Stadt erscheint, desto lieber spielt man dort. Nicht selten – so heißt es – haben Gruppen eine Lieblingsstadt, investieren dort ihr Belohnungen und schaffen sich mit einem eigenen Haus einen festen Punkt in ihrem Abenteurer-Leben.

Das genaue Gegenteil erleben wir alle seit Monaten immer wieder, wenn der Name Aleppo in den Nachrichten genannt wird. Eine Stadt wird systematisch vernichtet und mit ihr die Gesellschaft, die Gemeinschaft und vor allem: die Menschen. Die Bilder ähneln denen, die man von Berlin oder Dresden aus den Geschichtsbüchern kennt und doch erscheint es so irreal. Die Medien-Distanz hilft uns das Grauen vom Sterben einer Stadt soweit von uns zu halten, wie möglich – solange man niemanden kennen lernt, der von dort geflohen ist, denn die Menschen, nicht die Häuser, machen die Stadt.
Und es sind immer wieder Menschen, die dort ein sinnloses Ende finden, weil Despoten und Diktatoren sich einen Vorteil daraus erhoffen.
Zum Glück kann man gegen Despoten nicht nur in Abenteuern vorgehen. Wir leben in einem Land, in dem man auch andere Möglichkeiten hat. Nutzen wir sie!

Wir sehen uns auf der nächsten Con …
Peter Horstmann
(Chefredakteur)

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Inhalt

  Splittermond
Manuel Weichinger Spielhilfe
Chaos in der Stadt
Damian Windau Spielhilfe
Turm des Zirkels der Zinne
  Equinox
Carsten Damm
Equinox – Systemvorstellung
  Malmsturm
Werner H. Hartmann Fragment
Das Schicksal von Burg Veyd
  Space 1889
Ingo Siekmann Abenteuer-Szenario
Über den Wolken
Stefan Küppers Spielhilfe
Proviant
  Numenera
Jonas Becker-Tietz Archetypen
Nicht-Spieler-Charaktere & Archetypen
  Jörg Raddatz
div. Autoren Nachruf
Jörg Raddatz 1971-2016
  Myranor
Thorsten Habermann Spielhilfe
Die Blutschatten – Priester des Rattenkindes
Peter Horstmann Spielhilfe
An der Nacennia-Straße
Felix Bärwinkel Kurzgeschichte
Staatsgeschäfte
Hollow Earth Expedition
Sebastian Willert Abenteuerszenario
Rückkehr ans Tageslicht (2)
Michael Pfaff Bild
Lost ’n’ Found
  Tharun
Arne Gniech Spielhilfe
Zuur – eine kuumische Ansiedlung
Karte 1

6 Responses to Ausgabe 11

  1. […] eine zwischenzeitliche Pause eingelegt hat. Damit ist nun aber Schluss, seit ein paar Tagen ist die 11. Ausgabe mit dem Thema „In der Stadt“ online. Immerhin drei Artikel zu Myranor und einer zu Tharun sorgen für neuen Spiel- und Lesestoff […]

  2. […] dagegen mehr auf Gratisfutter oder ganz allgemein auf Myranor oder Tharun steht, ist mit Sicherheit das aktuelle Uhrwerk-Magazin Nr. 11 etwas für euch, mit viel Myranor- und Tharun-Futter und einem Nachruf auf Jörg […]

  3. […] Jetzt aber genug mit der Lobhudelei! Malmsturm ist nicht zum Angucken da, sondern zum Spielen. Und das habe ich auch vor! Eine Gruppe mutiger Spieler ist auch schon gefunden (Gruppensuche auf Drachenzwinge.de) und wir werden eine Abwandlung des Abenteuers rund um die von einem Malmsturm verschluckte Burg Veyd spielen, das kostenlos im Uhrwerk-Magazin erschienen ist (Uhrwerk-Magazin Ausgabe 11). […]

  4. […] Magazin kostenlos veröffentlichte Abenteuer „Das Schicksal von Burg Veyd“ verwendet (Link zum Uhrwerk Magazin Ausgabe 11). Das Abenteuer hat den Vorteil, dass es jenseits der im Detail beschriebenen Hauptkontinente der […]

  5. […] Artikel wurde ursprünglich in der Ausgabe 11 (2016) anlässlich des viel zu frühen Todes von Jörg Raddatz […]

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