Category Archives: Ausgaben 2016

Ausgabe 12

»Tabuin«, René Littek, 2004

»Tabuin«, René Littek, 2004

Das Eingangszitat wird dem aktuellen Dalai Lama zugeschrieben und gibt mit am besten wieder, was uns antreibt, das Gewohnte zu verlassen, hinaus zu ziehen in Welten, die uns unbekannt sind. Nicht nur Hobbits müssen aufpassen, wohin ihre Füße sie tragen. Auch Menschen erliegen der Neugier, dem Fernweh und dem Drang aus dem Alltag auszubrechen.
Das Thema Wildnis – Reise – Expedition greift diese Idee auf. Wildnis ist für viele Rollenspielgruppen ein beliebter Ausbruch aus den engen Grenzen, die uns Zivilisation und städtische Kultur aufzwingen. Die Romantik des Wilden Westens oder der Expeditionen in die Dschungel Afrikas und Indiens mit Kara Ben Nemsi, Allan Quatermain, Mogli, Tarzan oder Grizzly Adams und Lederstrumpf im gedanklichen Reisegepäck, kennen viele noch aus den Kindertagen und ihren frühen Leseerlebnissen. Noch einen Schritt weiter konnte man mit Kapitän Nemo, Hans Hass oder gar John Carter gehen. Bietet uns die reine Wildnis einerseits die Alternative zur Kultur und das Erkennen des eigenen Selbst, so ist sie immer auch das Messen mit der Natur – und die Angst vor dem Unterliegen, dem „Monster“, das uns bezwingt (Der Weiße Hai, King Kong etc.). So bleibt die Wildnis zwiespältig: Ausweg, Freiheit und Flucht stehen Gefahr, Unterlegenheit und dem Recht des Stärkeren gegenüber. Nicht wenige Settings greifen daher zu einer Mischung und präsentieren eine vermeintlich „barbarische“ Kultur innerhalb der Wildnis. Conan und Winnetou haben gemeinsam, dass sie innerhalb einer relativ freien Gesellschaft agieren können, ohne die oftmals erdrückenden Regeln moderner Zivilisationen, und andererseits eben als Herren ihres Schicksals und der umgebenden Natur auftreten. Die Perfektion – und damit auch ihre Gegner – findet diese Kombination im klassischen Elfen: Freiheit und (!) Kultur, Natur und (!) Überlegenheit.

Wer etwas erleben möchte, muss reisen und wird nicht als der zurückkommen, als der er loszog. Das weiß nicht nur Gandalf, sondern auch Bilbo hat es erlebt und verstanden. Reisen ist Wildnis auf Zeit. Man kommt aus dem üblichen Trott heraus, begibt sich – in der Regel – auf unbekanntes Terrain und am Ende ist man mal mehr, mal weniger, wieder in der Zivilisation. Der Abschnitt zwischen A und B kann dabei gefährlich sein. Wobei diese „Gefahr“ sowohl von Wesen, wie auch von Kulturen ausgehen kann, denn beide bieten Erfahrungen, die uns verändern. Im Guten, wie im Schlechten. Wer nach einer Reise der Gleiche geblieben ist, hat etwas falsch gemacht. Denn Reisen hat nicht die Positionsänderung zum Ziel. Diese ist nur Mittel zum Zweck. Der Fernhändler erhofft sich höhere Gewinne, der Bote liefert Informationen, der Tourist sucht Entspannung, Erzählenswertes und vielleicht intellektuellen Gewinn.

Daher stellt die Expedition auch die Krönung des Reisens dar. Die Enterprise zog nicht los, um die neueste Technik auszuprobieren und Alexander von Humbold war nicht nur neugierig auf fremde Pflanzen. Die Konfrontation – selbst im friedlichen Rahmen der Obersten Direktive – mit dem Fremden, dem Anderen, dem Ungewohnten, erweitert unseren eigenen Horizont, bereichert unser Leben und lässt uns wachsen. So lange wir geistig dazu überhaupt in der Lage sind und nicht aus Angst vor der eigenen Schwäche alles Fremde ablehnen. So eine Konfrontation zeigt nämlich auch immer die eigenen Unzulänglichkeiten auf. Man kann nur von anderen lernen, wenn man in den jeweiligen Aspekten der Unterlegene ist. Dazu braucht es die innere Stärke, das zu akzeptieren, und den Willen über sich hinaus zu wachsen. Aber genau das macht den Reiz aus. Die Ruinen der Maya, die Kultur der Arkoniden, die Sitten der Shingwa im Nebelwald … sie alle geben uns die Möglichkeit zu lernen und die eigenen Grenzen zu verschieben, ein besseres Selbst zu werden. Und dafür spielen wir.

Wir sehen uns auf der nächsten Con …
Peter Horstmann
(Chefredakteur)

Ausgabe 10

»Tabuin«, René Littek, 2004

Bild: »Tabuin«, René Littek, 2004

»Es ist schon lange einer meiner Grundsätze,
dass die kleinsten Dinge bei weitem die wichtigsten sind.«

Sir Arthur Conan Doyle wird das auf der Titelseite präsentierte Zitat zugeschrieben. Und von Wilhelm Busch soll stammen:

»Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen,
Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge.«

Deshalb haben wir den kleineren Reihen im Verlag eine ganze Ausgabe gewidmet, dass sie ohne die Schlaglichter Splittermond und Myranor auch die ihnen zustehende Aufmerksamkeit erhalten können.
Und es lohnt sich immer wieder, wenn man mit viel Liebe fürs Detail auch einmal abseits des Mainstreams aktiv wird.

„Wir freuen uns sehr über einen grandiosen ersten Platz in der Kategorie Pen & Paper-Rollenspiele für das unter Lizenz von Daedalic entstandene Rollenspiel zu den mittlerweile vier Point & Click-Abenteuern auf dem Schrottplaneten Deponia. Der RPC Fantasy Award wird jährlich anlässlich der RPC Germany in Köln verliehen; die Sieger werden per Publikumsvoting im Vorfeld bestimmt.“ (Verlag)

„Auf der diesjährigen Nordcon hat die Splittermond-Einsteigerbox den Deutschen Rollenspielpreis 2016 in der Kategorie »Grundregelwerke« abgeräumt und macht damit das Triple komplett! Wir freuen uns riesig! Der Deutsche Rollenspielpreis ist ein Jury-Preis, der einmal im Jahr auf der Nordcon verliehen wird. Die Jury-Mitglieder wechseln und bestehen aus bekannten Namen der Rollenspiel- und Fantasy-Szene in Deutschland.“
(Verlag)

Die Kleinen können also genauso erfolgreich sein, wie die Großen. In diesem Sinne: viel Spaß mit den Beiträgen zu den kleinen Systemen …

Wir sehen uns auf der nächsten Con …
Peter Horstmann
(Chefredakteur)

Ausgabe 9

»Tabuin«, René Littek, 2004

Bild: »Tabuin«, René Littek, 2004

Das auf der Titelseite gegebene Zitat stammt von Helmuth Graf von Moltke. Als Rollenspieler kennt man eine abgewandelte Version:

»Jedes fertige Abenteuer hält, bis es auf die Spieler trifft, danach wird improvisiert.«

Krieg und Auseinandersetzung sind im rollenspielerischen Bereich stets ein fester Bestandteil. Das mag zum einen in den Ursprüngen des Rollenspiels liegen, als man noch Zinnfiguren und einzelne Helden in Auseinandersetzungen sandte. Zwei Generationen nach diesen Anfängen ist mit dem Tabletop der Krieg mit Würfeln nach wie vor fest etabliert.
Andererseits scheint es auch ein Teil der menschlichen Natur zu sein. Wie viele tapfere Krieger und edle Ritter, mutige Gladiatoren, oder zwergische Sams sind nicht schon auf Cons aufgetreten. Sicher weit mehr als Medici, Schreiber oder Pianisten. Im Kino ist es der Krieg der Sterne, der alle Rekorde bricht und Millionen in die Säle und Milliarden in die Taschen der Maus lockt. Und das gilt uns als Ablenkung von den Schrecknissen des Alltages, wo wir mit den Folgen der realen Kriege zu leben haben. Da empört man sich über die Einsätze der Bundeswehr im Allgemeinen und Syrien im Speziellen. Da bejubeln die Friedfertigen ankommende Vertriebene und die Feigen deren brennende Unterkünfte. Da kritisiert man die Regierung für fehlendes Handeln oder für ihr konsequentes Tun, je nachdem, was dem Besorgten Bürger gerade lieber ist. Da ist es ein Kompliment, wenn man als Gutmensch betitelt wird und der sich dann Sorgen macht, wenn so ein Begriff zum Wort des Jahres wird.

Von Moltke stammt übrigens auch:
»Solange die Nationen ein gesondertes Dasein führen, wird es Streitigkeiten geben, welche nur mit den Waffen geschlichtet werden können, aber im Interesse der Menschheit ist zu hoffen, daß die Kriege seltener werden, wie sie furchtbarer geworden sind.«

Dass wir über hundert Jahre später noch nicht deutlich weiter sind, mag einem jeden zu denken geben. Es brauchte noch zwei Weltkriege, bis sich die Europäer dazu entschieden, lieber eine Union einzugehen, als einen weiteren Krieg zu riskieren. Nach zwei Generationen in Frieden – zumindest ohne Krieg im eigenen Land – schreien heute immer mehr Wohlstandsmenschen nach Freiheit von Brüssel und einer Rückkehr zur starken Nation in festen – geschlossenen – Grenzen. Und die Verteidiger des Friedens prügeln mit Knüppeln auf ihre politischen Gegner, bedrohen Gastwirte, wenn sie den FalschenTM Räume vermieten und retten Republik samt Verfassung und die persönliche Freiheit, indem sie andere Meinungen mit Sprechchören unterdrücken.

Wer regelmäßig Nachrichten konsumiert und mitbekommt, wie unsere Gesellschaft immer stärker in Richtung Hass und Gewalt abdriftet, mag kaum nachvollziehen können, wie Arsenalbände und epische Kriegs-Kampagnen zu den Zugpferden unter den Publikationen zählen. Von Bud Spencer soll die Aussage stammen, dass er gegen Gewalt angehe, indem er sie in seinen Filmen lächerlich mache. Das Überwinden von Gewalt und Gewalttätern im gemeinsamen Spiel am Tisch, dürfte in die gleiche Richtung gehen und könnte ein Argument sein, warum dieser Aspekt im Rollenspiel über die Generationen hinweg und durch die politischen Situationen hindurch, immer relevant blieb.

Frei nach Hape Kerkeling:

»Die ursprüngliche Gefühl, die wir in uns tragen, ist der KAMPF … Hurz!«

Wir sehen uns auf der nächsten Con …

Peter Horstmann
(Chefredakteur)

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