Tag Archives: Myranor

Ausgabe 13

»Tabuin«, René Littek, 2004

»Tabuin«, René Littek, 2004

Als in grauer Vorzeit der Athener Theseus in das Labyrinth des Minos ging, galt er schon als großer Held. Für viele Veteranen des Rollenspiels war der Weg ein umgekehrter. Ob sie nun dem Gewölbe der Stadt Tiefwasser und den dort erlebten Abenteuern ihr Dasein als Held verdanken, oder sich mit Echsen, Orks und anderen Kuriositäten in den Gängen unter einer Taverne gemessen haben – der Dungeon gebiert den Helden als etwas Neues.
Das liegt nicht nur daran, dass am Anfang unseres Hobbys der Dungeon stand. Das Hineinwagen in den dunklen Keller mit seinen Schrecken im Schatten ist seit Generationen eine Probe des Mutes, auch abseits des Spieltisches. Im Dunkel, das all unseren Ängsten als Heimstatt dient und all die Monster verbirgt, die wir aus unserem Alltag verbannt haben, gilt es zu beweisen, dass wir in der Lage sind selber hell genug zu strahlen, um die Schatten zu vertreiben.

»Wer ein Labyrinth begeht, macht sich auf einen Weg der Wandlung.«

So schreibt Gernot Candolini in seinem Werk „Im Labyrinth sich selbst entdecken“ und dabei kommt es nicht nur darauf an, den richtigen Weg zu finden. Wenn wir uns darauf einlassen, in die Irre geführt zu werden, den geraden und einfachen Weg zu verlassen und nicht zu wissen, was hinter der nächsten Ecke ist, dann sind wir bereit zu wachsen.
Nicht umsonst schicken Autoren ihre Protagonisten immer wieder in Labyrinthe und Höhlen, in Gewölbe und dunkle Tunnel. Harry Potter mag einen Klassenkameraden im Labyrinth verlieren, doch kommt er selber stärker daraus hervor, und ist nun in der Lage sich seinen größten Problem zu stellen. Auch die Gefährten des Ringes brauchen die Minen von Moria, um zueinander zu finden, sich im Kampf ebenso zu beweisen, wie sich gegenseitig zu unterstützen und was wäre aus Gandalf geworden, ohne den Sturz von der Brücke?

Vielleicht ist es die Einfachheit der Situation, die im Gewölbe den Blick schärft. Gleichgültig wie verwirrend die Gänge angeordnet sein mögen – man denke nur an das Treppen-Labyrinth im Film „Name der Rose“ – es gibt ein »vor uns« und ein »hinter uns«. Alles andere kann ausgeblendet werden. Und was immer wir suchen, den Schatz in Form von Büchern, die geraubte Prinzessin oder schlicht den Ausgang, es liegt vor uns und wartet darauf gefunden zu werden. Eigentlich ganz einfach. Beachtet man dann noch die Ewige Regel des Dungeons: „immer links“, dann kann eigentlich kaum noch etwas schief gehen.1 Und man sollte sich auch als Held über die Fallen und Rätsel, die Orks und Goblins, all die Gefahren und Schrecken freuen.
Sie geben nicht nur Erfahrung, sondern auch die Möglichkeit zu lernen, zu wachsen, stärker zu werden und das gute Gefühl ein Problem überwunden zu haben. Wie einfach geht das doch am Spieltisch, verglichen mit der realen Welt, wo aus den dunklen Schatten die Probleme unserer Tage hervortreten. Die Orks von Moria sind ein Witz gegen die Höckes und Petrys, die Seehofers und Lindners unseres Labyrinths. Unsere Waffen mögen nicht so einfach wie ein Schwert geschwungen werden können, doch sind auch hier Gemeinschaft und Mut die Mittel der Wahl, die Unholde und ihr Kriegsgeschrei zu besiegen.

»Das Labyrinth stellt nicht die Frage:
Gehst du falsch oder richtig?
Das Labyrinth stellt die Frage:
Gehst du?«
— Gernot Candolini

Wir sehen uns auf der nächsten Con …
Peter Horstmann
(Chefredakteur)

1 Um zu verstehen, dass »Rechts« kein gangbarer Weg ist, reicht ein Blick in die Tageszeitung oder in ein ordentliches Geschichtsbuch.

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Ausgabe 12

»Tabuin«, René Littek, 2004

»Tabuin«, René Littek, 2004

Das Eingangszitat wird dem aktuellen Dalai Lama zugeschrieben und gibt mit am besten wieder, was uns antreibt, das Gewohnte zu verlassen, hinaus zu ziehen in Welten, die uns unbekannt sind. Nicht nur Hobbits müssen aufpassen, wohin ihre Füße sie tragen. Auch Menschen erliegen der Neugier, dem Fernweh und dem Drang aus dem Alltag auszubrechen.
Das Thema Wildnis – Reise – Expedition greift diese Idee auf. Wildnis ist für viele Rollenspielgruppen ein beliebter Ausbruch aus den engen Grenzen, die uns Zivilisation und städtische Kultur aufzwingen. Die Romantik des Wilden Westens oder der Expeditionen in die Dschungel Afrikas und Indiens mit Kara Ben Nemsi, Allan Quatermain, Mogli, Tarzan oder Grizzly Adams und Lederstrumpf im gedanklichen Reisegepäck, kennen viele noch aus den Kindertagen und ihren frühen Leseerlebnissen. Noch einen Schritt weiter konnte man mit Kapitän Nemo, Hans Hass oder gar John Carter gehen. Bietet uns die reine Wildnis einerseits die Alternative zur Kultur und das Erkennen des eigenen Selbst, so ist sie immer auch das Messen mit der Natur – und die Angst vor dem Unterliegen, dem „Monster“, das uns bezwingt (Der Weiße Hai, King Kong etc.). So bleibt die Wildnis zwiespältig: Ausweg, Freiheit und Flucht stehen Gefahr, Unterlegenheit und dem Recht des Stärkeren gegenüber. Nicht wenige Settings greifen daher zu einer Mischung und präsentieren eine vermeintlich „barbarische“ Kultur innerhalb der Wildnis. Conan und Winnetou haben gemeinsam, dass sie innerhalb einer relativ freien Gesellschaft agieren können, ohne die oftmals erdrückenden Regeln moderner Zivilisationen, und andererseits eben als Herren ihres Schicksals und der umgebenden Natur auftreten. Die Perfektion – und damit auch ihre Gegner – findet diese Kombination im klassischen Elfen: Freiheit und (!) Kultur, Natur und (!) Überlegenheit.

Wer etwas erleben möchte, muss reisen und wird nicht als der zurückkommen, als der er loszog. Das weiß nicht nur Gandalf, sondern auch Bilbo hat es erlebt und verstanden. Reisen ist Wildnis auf Zeit. Man kommt aus dem üblichen Trott heraus, begibt sich – in der Regel – auf unbekanntes Terrain und am Ende ist man mal mehr, mal weniger, wieder in der Zivilisation. Der Abschnitt zwischen A und B kann dabei gefährlich sein. Wobei diese „Gefahr“ sowohl von Wesen, wie auch von Kulturen ausgehen kann, denn beide bieten Erfahrungen, die uns verändern. Im Guten, wie im Schlechten. Wer nach einer Reise der Gleiche geblieben ist, hat etwas falsch gemacht. Denn Reisen hat nicht die Positionsänderung zum Ziel. Diese ist nur Mittel zum Zweck. Der Fernhändler erhofft sich höhere Gewinne, der Bote liefert Informationen, der Tourist sucht Entspannung, Erzählenswertes und vielleicht intellektuellen Gewinn.

Daher stellt die Expedition auch die Krönung des Reisens dar. Die Enterprise zog nicht los, um die neueste Technik auszuprobieren und Alexander von Humbold war nicht nur neugierig auf fremde Pflanzen. Die Konfrontation – selbst im friedlichen Rahmen der Obersten Direktive – mit dem Fremden, dem Anderen, dem Ungewohnten, erweitert unseren eigenen Horizont, bereichert unser Leben und lässt uns wachsen. So lange wir geistig dazu überhaupt in der Lage sind und nicht aus Angst vor der eigenen Schwäche alles Fremde ablehnen. So eine Konfrontation zeigt nämlich auch immer die eigenen Unzulänglichkeiten auf. Man kann nur von anderen lernen, wenn man in den jeweiligen Aspekten der Unterlegene ist. Dazu braucht es die innere Stärke, das zu akzeptieren, und den Willen über sich hinaus zu wachsen. Aber genau das macht den Reiz aus. Die Ruinen der Maya, die Kultur der Arkoniden, die Sitten der Shingwa im Nebelwald … sie alle geben uns die Möglichkeit zu lernen und die eigenen Grenzen zu verschieben, ein besseres Selbst zu werden. Und dafür spielen wir.

Wir sehen uns auf der nächsten Con …
Peter Horstmann
(Chefredakteur)

Ausgabe 1

Es ist soweit …
Wer regelmäßig in Foren liest oder gar aktiv ist, wird schnell mitbekommen, welche Fülle an Ideen und Kreativität dort zu finden ist. Doch nur wenige dieser Gedanken finden dann den Weg in Publikationen oder werden zu konkreten Artikeln in Zeitschriften. Nicht selten sind es wirtschaftliche Gegebenheiten, welche eine Veröffentlichung verhindern, denn jede Druckseite kostet Geld und muss sich für den Verleger rentieren. Gerade Ideen von besonderer Kreativität, welche den üblichen Rahmen sprengen, bleiben so außerhalb der Wahrnehmung. Auf der anderen Seite mag man sich fragen, wofür der ganze Aufwand gut ist, wenn man nur wenige erreicht und man das Gefühl hat, dass es sich nicht lohnt.
Das muss nicht so bleiben.

Cover der Ausgabe 1